70 – Diese Nuller-Grenze stellt sich mir anders dar als die vorherigen Zehnerüberschreitungen.

Alle 6 vorangegangenen waren nicht mit In-Frage-Stellungen verbunden, sie wurden ganz einfach passiert. Oder auch: Sie sind ganz einfach passiert.

Jacob Grimm und der Eskapismus

„Im Märchen „Die Lebenszeit“, das Jacob Grimm mit seinem Bruder Wilhelm in die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen aufnimmt, werden dem Menschen als Lebenszeit von Gott „siebenzig Jahre“ bestimmt, untergliedert in vier Abschnitte: „Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Lebens. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der anderen auferlegt: er muß das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und Tritte sind Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahres des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluß.“ In den Jahren sechzig bis siebzig, schließt das Märchen, „da ist der Mensch schwachsinnig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder“.

Für mich war Siebzig früher ein ‚hohes Alter‘ von Menschen jenseits berufsmäßig notwendiger Aktivität. Allerdings meint Jacob Grimm in seiner ‚Rede über das Alter‘ (1861 im Alter von 75 verfasst): „Wem es vergönnt sei, ein hohes Alter zu erreichen, der „hat nicht nöthig zu jammern, wenn seine letzte lebensstufe annaht“, vielmehr ist ihm gestattet, „mit stiller Wehmut hinter sich zu blicken und . . . gleichsam auf der bank vor seiner hausthür sitzend sein verbrachtes leben zu überschlagen“. In diesem Zitat lässt der Begriff ‚letzte lebensstufe‘ aufschrecken. Ist es das, was dieser Zahlenüberschritt zu einem Schwellenerlebnis werden lässt? Und ‚auf der bank vor seiner hausthür sitzend‘ stellt sich wirklich nicht als anzustrebendes Ideal dar!

Eine Art Gegenteil davon ist der bewegungsmäßige Eskapismus: ‚Uwe rennt dem Alter weg‘. „Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit.“ (Wiki) Andererseits: Es gibt eine positive Form des Eskapismus, die der norwegische Psychologe Frode Stenseng als „Selbstexpansion“ beschreibt, bei der der Mensch durch die Aktivität positive Erfahrungen sammelt und sich selbst neu entdeckt. DAS scheint in die richtige Richtung zu gehen!

Positive Erfahrungen durch Aktivität!

Sich selbst neu entdecken!

Das U und das Zufriedenheitsparadoxon

Der britische Ökonom Andrew Oswald, Begründer der Zufriedenheitsforschung, veröffentlichte 2008 eine Studie, die er folgendermaßen einleitete: „Wir präsentieren den Beweis, dass das psychische Wohlergehen im Laufe eines Menschenlebens die Form eines U hat“. U wie Uwe. Junge Menschen sind in der Regel sehr zufrieden; in den mittleren Jahren fällt ihre Zufriedenheit meist auf einen Tiefpunkt, um danach im Alter wieder anzusteigen. Dass die Kurve der Zufriedenheit wie ein U wieder nach oben steigt, «obwohl die Gesundheit schlechter wird», bezeichnet Oswald als «Zufriedenheitsparadoxon. Es besagt, dass sich trotz objektiv schlechterer Lebensumstände das Lebensgefühl subjektiv verbessert.» Dies gelte nicht nur für die momentane Zufriedenheit einer Altersgruppe, sondern auch für die Zufriedenheit eines individuellen Menschen im Laufe seines Lebens. Die ‚ZEIT‘ titelte einen langen Artikel über die zweite Häfte des Lebens am 28. 01. 2021 mit der bezeichnenden Aussage: Das Beste kommt noch.

Das ist doch eine gute Perspektive für diesen Nuller-Übergang! „… die zweite Hochphase beginnt zwischen Ende sechzig und Anfang siebzig.“ Nicht verschwiegen wurde allerdings die Aussage „Nur ganz am Ende wird es bitter.“

8 Uhr morgens

Anlässlich der Amtsübernahme von Joe Biden (78 Jahre, ältester Präsident der USA) führte die ‚ZEIT‘ im November 2020 ein Zoom-Gespräch mit einer Runde illustrer 78er: Wolfgang Thierse, Ulrich Wickert, Gesine Schwan, Hans-Jürgen Bäumler und Irmela Müller-Stöver (Fachärztin für Innere Medizin). Die für für mich interessanteste Passage waren Antworten auf die Frage: „Was tun Sie morgens um 8 Uhr?“ Die Rückmeldungen kreisten um Frühstücken, Zeitung lesen, Gymnastik. Dies trifft genau meine eigene entspannte Situation, in der ich einen großen und entscheidenden Unterschied zur beruflichen eingespannten und angespannten Berufstätigkeit erlebe. Tatsächlich auch bei mir um 8 Uhr (manchmal auch später): Zeitung, Frühstück, Blick auf den Tag und die Woche, was machen die Enkelkinder …

Ewige Jugend?

In nahezu jedem Bericht / Artikel / Buch über das neue Alter wird beschrieben, dass sich ‚Alter‘ (für mich also 70+) heute anders darstellt als früher: längere Lebenserwartung, mehr aktive Gestaltungsmöglichkeiten usw. Manchmal scheint es dabei so, dass sich diese positive Erwartungshaltung deutlich (unbegrenzt?) ausdehnen lässt. Schnell ist man da bei der Kurzformel ‚Forever young‘. Mit diesem Titel kommt hier nun Bob Dylan ins Spiel. Er ist genau 10 Jahre älter als ich; 1974 hat er einen Song mit diesem Titel veröffentlicht. Der Wunsch, „immer jung“ zu bleiben, versteht sich im Kontext des Liedes jedoch nicht als der klischeehafte Traum von „ewiger Jugend“, sondern im übertragenen Sinne als ein Jungbleiben im Herzen und im Geist. (Wiki) Und genau hierüber hat WDR 3 ein hörenswertes Feature gesendet, das für ‚Forever young‘ die treffende Übersetzung vorschlägt ‚Bleib immer bei dir!‘

Kulturfeature WDR3 Dylan Forever young (dauert 54 Minuten)

Bleib immer bei dir!

Oder auch: „Be yourself, no matter what they say!“ Sting – ein Musiker, der in diesem Jahr auch die Schwelle zur Siebzig überschreitet.

Wenn wir schon bei Musikern Jahrgang 1951 sind: Wenn ich in den nächsten Tagen zu einer Altersgruppe aufschließe, zu welcher auch Wolfgang Niedecken gehört, habe ich keine Bange vor diesem Alter. Hinter dem nächsten Link (Dauer 59 Min) mehr von diesem Ausnahmekünstler mit Rückgrat:

https://www1h.wdr.de/mediathek/video/sendungeein Musiker, der in diesemn/rockpalast/video-dann-kam-alles-anders—wolfgang-niedecken-wird–100.html

Und zum Abschluss dieses sehr langen Beitrages (das darf bei 70 auch sein) der Originaltext von Bob Dylan, den ich als Gruß an alle 1951er sende – und auch an alle, die älter oder jünger sind und mit den Zeilen etwas anfangen können:

  • May God bless and keep you always
    May your wishes all come true
    May you always do for others
    And let others do for you
    May you build a ladder to the stars
    And climb on every rung
    May you stay forever young
    May you stay forever young May you grow up to be righteous
    May you grow up to be true
    May you always know the truth
    And see the light surrounding you
    May you always be courageous
    Stand upright and be strong
    May you stay forever young
    May you stay forever young May your hands always be busy
    May your feet always be swift
    May you have a strong foundation
    When the winds of changes shift
    May your heart always be joyful
    May your song always be sung
    And may you stay forever young
    May you stay forever young

֎ ֎ ֎֎ ֎ ֎֎

Doch, – – – es gibt eine nahezu treffende Übersetzung – ävver op Kölsch!


2 Kommentare

Karl · 23. Juli 2021 um 20:03

Super!

    Uwe Möller-Lömke · 28. Juli 2021 um 22:58

    So ganz kann ich trotz aller physischer und mentaler Vorbereitung noch nicht ganz fassen, dass ich in gut einer Stunde auch zu dieser Altersgruppe gehöre.

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