Ein längerer Beitrag, der über einen Ausflug ins Schwäbische berichtet.
Er gliedert sich in 4 Abschnitte:
● Mein Gaisburger Marsch -> äußere Bewegung
● Verleihung Erich-Fromm-Preis -> innere Bewegung
● Besuch der Weissenhof-Siedlung -> äußere Kultur
● Besichtigung der ältesten Sektkellerei Deutschlands -> innere Kultur

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● Mein Gaisburger Marsch
war 12,3 Kilometer lang.Er führte von der Stuttgarter Innenstadt über viele Stäffele hinauf und hinunterin den östlichen Stadtteil Gaisburg
Allerdings handelt es sich bei dem so benannten Marsch in der Regel weniger um eine äußere Fortbewegung, sondern um ein Nationalgericht mit dem Besten, was die schwäbische Region zu bieten hat – und das alles gleich auf einmal: Spätzle, Kartoffeln, Wurzelgemüse, Ochsenfleisch, gebräunte Zwiebeln in einer sehr guten Brühe. Die Idee, sich dieses gehaltvolle Essen durch eine Wanderung durch Stuttgart zu verdienen, fand ich sehr verlockend und so folgte ich bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt dem Vorschlag der Seite Bergwelten. Einkehr war dann allerdings nicht in der Gaststätte, in welcher dieses Gericht erfunden wurde, in der Bäckerschmide (z. Zt. geschlossen). Vielmehr war der Schlachthof als kulinarische Alternative angegeben.
Wenn auch als Vorspeisenportion serviert, wärmte der Eintopf Gaisburger Marsch nach der (Marsch)Wanderung durch die Kälte.
Der 3-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt benannte dieses Essen als sein Lieblingsgericht – wahrscheinlich in einer entsprechenden Variante.
Und falls es nach diesem Hors d’oeuvre noch eine Portion Maultaschen (mit ebenfalls ordentlich Kalorien) als Hauptgericht gewesen sein sollte, dann gab es vor der Toilette die ideale Waage dazu:

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● Verleihung Erich-Fromm-Preis

Der eigentliche Anlass meiner Reise.

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“
So beginnt der Klappentext des 816 Seiten starken Buches ‚Resonanz – Eine Soziologie der Wahrnehmung‘ von Hartmut Rosa. “ Dies ist, auf die kürzestmögliche Formel gebracht, die Kernthese des neuen Buches von Hartmut Rosa, das als Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens gelesen werden kann. An seinem Anfang steht die Behauptung, dass sich die Qualität eines menschlichen Lebens nicht in der Währung von Resssourcen, Optionen und Glücksmomenten angeben lässt. Stattdessen müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt und die dann, wenn sie intakt ist, Ausdruck stabiler Resonanzverhältnisse ist.“
Rosas individueller Grundansatz, die Frage nach den Bedingen eines gelingenden Lebens zu stellen und sich dabei nicht in der gesellschaftskritischen Aussage ‚Im falschen Leben kann es kein richtiges geben'(Adorno) zu erschöpfen,sondern positive Möglichkeiten zur individuellen und auch gesellschaftlichen Gestaltung aufzuzeigen, das hat mich beim ersten Anlesen dieses Werkes im Jahr 2016 sehr beeindruckt und stark berührt. Oder mit Rosa: Ich habe darin einen Anruf erfahren, der in mir ein Klingen ausgelöst hat. Als ich dann hörte, dass der Autor die jährlich vergebene Auszeichnung der Int. Erich Fromm Gesellschaft, den Erich Fromm-Preis 2018 im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung erhält, habe ich mich rasch auf den Weg nach Stuttgart gemacht.
Die Int. Erich Fromm Gesellschaft begründet die Verleihung wie folgt: „Wie kaum ein anderer Träger des Erich Fromm-Preises entwickelte er den wissenschaftlichen und humanistischen Ansatz der Kritischen Theorie weiter. Mit seinen soziologischen Arbeiten machte er Fromms Denken auf eigene Weise für die Gegenwart fruchtbar. Hier wagt es ein Soziologe, nicht nur in der Tradition der Kritischen Theorie von Entfremdung und krank machenden Entwicklungen in einer beschleunigten Moderne zu sprechen, sondern auch zu fragen, was eine gute Gesellschaft und ein gelingendes Leben ausmacht und welche „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ (Erich Fromm) es heute gibt.“

Dr. Rainer Funk übergibt den Preis an Prof. Dr. Hartmut Rosa

In seiner Lecture lenkte Rosa den Blick vor allem auf mehrere Bausteine:
○ die institutionelle Ordnung (die u. a. durch Beschleunigung, Desynchronisation des Fortschritts und Entfremdung gekennzeichnet ist),
○ die individuelle psychische Situation (die es schwierig hat, eine sinnvolle Weltbeziehung aufzubauen, weil die Reichweite zwar größer, aber auch zunehmend stumm ist – es fällt dem Individuum schwer, sich die Welt ‚anzuverwandeln‘).

Ein gehaltvolles In-der-Welt-Sein benötigt eine Resonanz, eine wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Welt, die beiden Seiten jedoch ihre Eigenständigkeit belässt. Dabei geraten zwei Entitäten in Schwingung, berühren einander, so dass sie als „aufeinander antwortend, zugleich aber auch mit eigener Stimme sprechend, also als ‚zurück-tönend‘ begriffen werden können.“

○ Interessant auch der Hinweis auf die Unverfügbarkeit der Resonanz: Sie ist nicht vorhersagbar, kann nicht instrumentalisiert werden.

○ Abschließend nahm Rosa die Kritik auf, dass seine Beschreibungen und positiven Vorschläge sich zu ausschließlich auf den Einzelnen beziehen und zu wenig gesellschaftsrelevante Optionen beinhalten würden. Ganz vorsichtig skizzierte er als eine Möglichkeit der ‚Pazifizierung der Existenz‘ (Marcuse) das garantierte voraussetzungslose Grundeinkommen.

Eine sehr persönliche Geste fand Rosa in seinen einleitenden Dankesworten: Er spannte den Bogen von der Frau, die ihm Schreiben und Lesen beigebracht hat (seiner anwesenden Grundschullehrerin) zu der Frau, die ihm wiederum Schreiben und Lesen beigebracht hat (seiner sehr genauen und korrekten Lektorin des Suhrkamp-Verlages [ebenfalls anwesend] durch ihren sowohl formellen als auch inhaltlichen Austausch über das umfangreiche Buch.)

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● Besuch der Weissenhof-Siedlung


Nein – ich habe mich anderntags nicht kurzfristig ins Guggenheim NY gebeamt, sondern ich befinde mich im Weissenhofmuseum Stuttgart im Haus Le Corbusier im Treppenaufgang.
Weissenhofsiedlung – mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden zur Bekämpfung der Wohnungsnot nach dem ersten Weltkrieg im Rahmen einer Werkbundausstellung, u. a. unter dem Stichwort ‚Neue Sachlichkeit‘. Vor allem letzteres dokumentiert das Gebäude von Le Corbusier und Pierre Jeanneret. Hier einfach nur einige Bilder/Impressionen:

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Bevor es zur Besichtigung der ältesten Sektkellerei Deutschlands geht
(zu Fuß! 12 km entfernt!)
braucht es eine ordentliche Grundlage.
Bekannt, bewährt und exzellent der Filderrostbraten in der Markthalle Stuttgart:

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● Besichtigung der ältesten Sektkellerei Deutschlands

Productplacement?
Nein, es gibt keine Entlohnung für den folgenden Text.
Außer der Tatsache, dass zu meinem vorletzten Geburtstag von lieben Freunden eine Flasche Jägergrün für mich entkorkt worden war, deren Genuss mich immer noch neugierig machte.

Direkt im Zentrum der historischen Altstadt neben der Kirche befindet sich der Stammsitz, unter dem in 12 labyrinthischen Kellern auf über 2000 qm tausende von Flaschen auf Rüttelpulten lagern. Sie setzen damit eine Tradition fort, da bereits vor mehr als 600 Jahren der ‚Zehntwein‘ als Zwangsabgabe dort gelagert und gekeltert wurde.


Fast alles traditionelle Flaschengärung (méthode champenoise).
Leider gibt es heutzutage keinen Schaumwein mehr auf Rezept:

Wohl aber als Abschluss der Führung 3 hauseigene Sorten zu verkosten:
– BLANC RÉSERVE VINTAGE extra brut (4g Zucker/l)
– HOCHGEWÄCHS ROSÉ brut (8g/l)
– JÄGERGRÜN Riesling (12g/l)
Eine sehr interessante Erfahrung, sich langsam aus dem Herben (Trockenen) ins Süßere zu verkosten!
Die Tatsache, dass auf dem folgenden Foto 4 Gläser zu sehen sind, ist dem Faktum geschuldet, dass es an einem 4er-Tisch entstand.

Zum Wohlsein!

Und: Voilà! Es gibt ausgezeichneten deutschen Sekt, nach Champagnerverfahren hergestellt!
Und die unterhaltsamen Geschichten, wie der Firmengründer vorübergehend (!) Teilhaber bei der Witwe Klicko wurde und schließlich eine eigene Kellerei im Schwäbischen gründete, sind Teil der kurzweiligen und und informativen zwei Stunden.

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Vorläufiges Fazit:
Eine wunderbare 4tägige Unternehmung, die zu berufstätigen Zeiten nicht in dieser Form mitten in der Woche hätte stattfinden können.
Mit äußerer und innerer Bewegung und äußerer und innerer Kultur.
Und Dank freundlicher Untertützung der DB und der Freunde in GP zu einem moderaten Budget! Danke, Reinhard & Kerstin!


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