Sechzig Kilometer Wandern

29. Februar 2020, 6.45 Uhr morgens. Weltuntergangsstimmung.Es schüttet aus vollen Kübeln. Immer mehr pudelnasse Weitwanderer treffen in dem Gebäude des historischen Wasserwerks auf der Elbinsel Kaltehofe ein; Ponchos, Pelerinen und Regenschirme schützen bei Regen plus Wind wenig. Immerhin gibt es im geöffneten Café heiße Getränke, im Keller ein WC – allerdings nicht ausreichend für die rasch anwachsende Zahl von mehreren hundert Personen. Von Infrastruktur für einen Massenstart ist nichts zu erkennen, keine Registrierung, kein Starttor und vor allem keine pushende Musik. Zur Beruhigung lasse ich erst einmal die Gedanken zurückgehen zum Vorabend – ‚Pastaparty‘ auf hohem Niveau! Danke an K. & A. für Verköstigung und Gastfreundschaft!

Im weiteren Verlauf macht die Information die Runde, dass der Lkw für den Start ‚verschollen‘ ist. Die Veranstalter machen das Beste daraus und beginnen das Event ohne das übliche Drumherum. Aber immer noch ziemlich feucht.

Regenschutz verschiedenster Art dominiert das Bild der Gruppe, die elbeabwärts zieht. Vorbei an Speicherstadt und Elphi, die in regnerischen Dunst ragt. Nicht anders kurz vor dem Fischmarkt.

Erste VPS nach 11 km am Museumshafen Ovelgönne mit umfangreichem Erleichterungs- und Zuladeangebot.

Für mich nur ein druckempfindliches Obst, das ich selbst nicht bei meiner Verpflegung mitführe.

Mit flotten Schritten geht es weiter flussabwärts, links der Strom, rechts die Elbchaussee mit ihren Villen und Parks. Und: die Sonne kommt heraus!! Wer hätte das heute morgen um 7:00 Uhr gedacht! Regenjacke aus, Softshell an. Mitwander*innen bunter Art sind unterwegs, die ebenfalls den Regenponcho abgenommen haben.

Wenn das Airbusgelände am anderen Üfer zurück bleibt, heißt es Abschied nehmen vom drittlängsten Strom Deutschlands. Oder etwa nicht? Die Wegführung schwenkt jedenfalls nach rechts – – – doch es geht in das pittoreske Treppenviertel Blankenese. „Es gibt in ihm nur wenige befahrbare Straßen; die Mehrheit der Häuser ist nur zu Fuß über mehr als 5000 Stufen zu erreichen, die sich auf diverse Treppen verteilen.“ Wiki Hier werden also durch die Wahl der Route mit ständigem Auf und Ab ca. 3/4 der gut 400 Höhenmeter in Hamburg (!) gemacht. Und die Elbe ist von wunderbaren Aussichtspunkten immer im Blick.

Wenn es dann tatsächlich landeinwärts geht, durch Parks und Kiefernwälder, fühlt sich der Wanderer spätestens an den zahlreichen Pferdekoppeln und auf dem flachen Land fast schon wie in Dänemark. (?) Bei Km 29 nach langer Strecke wieder eine VPS mit umfangreichem Angebot, hier im folgenden nur meine persönlichen Präferenzen festgehalten.

Weiter durch Wohngebiete unterschiedlicher Couleur, an Freibädern und Freizeiteinrichtungen vorbei (Volksparkstadion!). Schließlich die 40er Marke im Altonaer Volkspark; pittoresk auch der Stellinger Wasserturm, der trotz seiner Umwandlung zu Eigentumswohnungen eine Brücke zum Startpunkt schlägt. „Ein Modell des Wasserturms im Ursprungszustand befindet sich im Museum der Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe.“

Die phototropen Brillengläser leisten einen guten Dienst bei dem durchgängig leicht sonnigem Wetter, hinzu kommen milde Temperaturen von 12⁰ : ideale Bedingungen zum Wandern! Vor der letzten VPS an der Außenalster lässt die Qualität der Markierung deutlich nach, da heißt es Mitwander*innen mit aktivem Komoot oder GPS zu finden. Kein Problem und sehr kommunikativ! Danach ist es deutlich am Dunkel werden, zudem bevölkern Jogger und Alsterspaziergänger die Gegend um das amerikanische Generalkonsulat. An der Binnenalster lockt ein Hotel zum vorzeitigen Abbruch der Tour und zur Übernachtung. Doch Preise ab 235 € (mit Frühstück 285 €) bis zum Zehnfachen für die Balkonsuite pro Nacht lassen den Wanderer vorbeiziehen.

Hamburg by night hat durchaus seine Reize, auch wenn die Wegführung durch die City ab dem Rathaus sich wie eine Schnitzeljagd entwickelt: „Wo ist die nächste Markierung auf dem Boden, welche GPS-Info um die Kirche herum ist die Richtige?“ Umso malerischer gestaltet sich der abendliche Blick auf die Speicherstadt.

Zwischen ‚Spiegel‘-Hochhaus und Fruchtmarkt zeigt das Hamburger Wetter auf den letzten Kilometern, wozu es auch fähig gewesen wäre: Wolkenbruch in Verbindung mit Sturmböen setzt ein, so dass Softshell schnellstmöglichst in der Dunkelheit gegen Hardshell plus Raincover gewechselt werden muss. Auch egal: Mit den Beachboys im Kopf gelingen auch die letzten Kilometer – – – denn dieser letzte Abschnitt ist nach Aussage von Fachleuten ausschließlich mentale Bewusstseinssache.

Dann endlich doch: Das ZIEL!

61,7 km, 10:28 h nach eigener Messung

Durch knöcheltiefen Matsch geht es zum Zieltor, da ist auch das finnische Bier und die Musik ‚We are the Champions – Viva la vida‘! Jawohl: ES LEBE DAS LEBEN!

Resümee

Material: Schuhe und Socken haben beste Dienste geleistet. Null (in Worten: 0) Blessuren! Die Pflege mit Hirschtalgcreme scheint genützt zu haben. Vor allem die Socken habe ich unterwegs mehrfach empfohlen, sie scheinen noch relativ unbekannt zu sein. Und das ohne Vergütung oder Werbeunterstützung; dieser Beitrag enthält keine Ama-Dingsbums-Links! Die Beine waren durch mehrere Unternehmungen über die Marathondistanz gut eingelaufen und der mentale Bereich war auch in Schuss. Die Verpflegungssituation war ausgezeichnet; der Abstand zwischen km 29 und km 38 allerdings etwas kurz.

Community: Es ist ein Vergnügen, mit Mitwander*innen über solch eine Distanz zu gehen! Immer wieder entsteht über mehrere Kilometer ein anregender und unterhaltsamer Austausch. Das kann über Vorerfahrungen sein (z. B. Traumpfad München – Venedig), verwendete Navigation („Komoot ist grottenschlecht“), oder auch um Differenzen zwischen ‚Mega‘ bzw. ‚Mammut‘. Weiterhin gibt es die verschiedensten Ursachen, die zur Teilnahme an solch einer Veranstaltung führen können (‚Früher Ultraläufer – jetzt die Gelenke …‘ oder einfach Freude an umfangreicher Bewegung draußen).

Spannungsbogen: Natürlich beginnt das Kribbeln schon deutlich vor dem Start. Wenn allerdings wie in diesem Fall tagelang als Wetterperspektive 12 Stunden Dauerregen vorhergesagt werden, hat das einen Reiz ganz eigener Art. 🙄😳 Und noch auf dem Weg zum Startpunkt sprach Frau M. in das Geräusch der Scheibenwischer: „Ruf doch an, wenn du durchgeweicht bist!“ Umso schöner war es, wie dieser Gang durch die unterschiedlichen Bereiche der Stadt Hamburg sich mit fast vorfrühlingshafter Leichtigkeit entwickelte! (Bis auf die letzten 3 km – grrr!) Mit zwei Tagen Abstand, als die körperlichen Rückmeldungen ziemlich abgeklungen waren, stellt sich die Unternehmung wie eine Passage durch einen Film dar. Diese Empfindung führte mich zur Überschrift dieses Beitrages, die auch die Unterschrift ist:

JUST LIKE A MOVIE


4 Kommentare

Laege Doris · 3. März 2020 um 9:39

Lieber Uwe, schön, dass wir auf deinen mittlerweilen Mammuttouren dabei sein dürfen!
Liebe Grüße aus Enger

Uwe Möller-Lömke · 3. März 2020 um 16:11

Diesmal hieß es sogar offiziell ‚Mammut‘ – allerdings genau ‚Little Mammut‘. Hatte aber auch dem Hashtag #vonwegenlittle

stefanherdeotr · 5. Juni 2020 um 23:15

super Seite hast Du hier aufgebaut und tolle Bereichte von Dir…., vielleicht sehen wir uns auf dem nächsten Mammutmarsch in HH https://youtu.be/YAyc6Eq7PtI ….sind uns da vielleicht sogar begegnet ;))

Uwe Möller-Lömke · 6. Juni 2020 um 14:29

Hallo Stefan, danke für den Kommentar! Ich glaube, ich habe mich bei VPS 3 erkannt – rote Jacke, orangene Mütze. Hinten rechts bei den Bänken, als ich gerade einer Mitwanderin mit Blasenpflaster weiterhelfen konnte. 15:28

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